Mittwoch, 16. Februar 2011

"Einer muß tot" - Helga Riedel



"...Er redete sie jetzt mit Du an, sagte häufig auch "Liebling" oder "meine Liebe", völlig unmotiviert, wie Anna fand, und daher wie alles Unangemessen nur Ablehnung bei ihr hervorrufend. Jedes neue Bild kommentierte er, zumindest im Anfangsstadium, mit "sehr schön, wunderbar", aber Anna brauchte keinen Jubelchor, sondern konstruktive Kritik und malte im übrigen zu ihrer eigenen Zufriedenheit und so, daß Ahmet nach der Fertigstellung ohnehin nicht begriff, was sie eigentlich malte, denn es war auf keinen Fall ein Abbild der realen Welt.
Seine Welt dagegen war nun geschrumpft, ganz klein geworden. Er war völlig auf Anna fixiert. "Was möchtest du? Ich mach schon!" Anna durfte nichts mehr tragen, ihre Einkäufe nicht mehr selbst in der Tasche verstauen; fehlte etwas bei Tisch, Ahmet holte es; war ihre Tasse leer, schenkte er ungefragt nach; wollte sie nach etwas greifen, legte er ihr es bereits auf den Teller; suchte sie etwas, das sie verlegt hatte, Ahmet suchte mit; ging sie mit dem Hund spazieren, Ahmet begleitete sie(...) Er brachte ihr Geschenke, eine Kette, die zum Glück ihrem Geschmack entsprach, anderes, was sie scheußlich fand, Blumen, beinahe täglich Schokolade.
Das alles entsprang zumindest nicht in erster Linie seiner Beschäftigungslosigkeit, sondern war als Liebesbeweis gedacht, zusammen mit ständigen Beteuerungen dieser Liebe, stieß bei Anna jedoch nicht auf Gegenliebe und erzeugte auch keine Zuneigung zu ihm, sondern im Gegenteil: Schuldgefühle und damit eher Haß auf den, der sie hervorrief(...)
Anna schätzte das Unaufdringliche, das Verhaltene, und je übertriebener und zudringlicher man ihr begegnete, um so distanzierter und abweisender wurde sie..."
("Einer muß tot" von Helga Riedel. Erschienen 1985 beim Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH)

Zu oft fühlte ich wie Anna...



Kommentare:

  1. wieso bemerke ich deinen blog erst jetzt??? hier bleib ich.. und n medusa piercing, ich will och :-)

    lg

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